VORWORT

Auch unabhängig von der breiten, selbstbewußten Aussprache gibt es viele Begriffe, Worte und Schnacks, die man in Hamburg häufiger hört als anderswo. Das heißt natürlich nicht, daß sie ausschließlich in Hamburg verwendet werden. Ganz im Gegenteil. Nur die wenigsten sind wirklich original hamburgische Wörter und die meisten natürlich im Plattdeutschen beheimatet, wenn auch viele eindeutig "eingehamburgert" wurden.

Im folgenden soll nun eine bunte Mischung aus aktuellen und vergessenen Begriffen, aus erklärungswürdigen Sprecheigenheiten und Aussprachevariationen der Hamburger präsentiert werden. Dazu gibt es jede Menge - Döntjes und allgemeinere Stadtinformationen.

Im Hamburgischen Wörterbucharchiv wird seit langem Hamburgs Wortschatz wissenschaftlich dokumentiert. 1956 erschien der erste Band des Hamburgischen Wörterbuchs, insgesamt sind es bisher 17 Lieferungen, die von "A" bis "Kiephoot" (folgende) reichen. Das Archiv sammelt zwar seit 1917 Hamburger Plattdeutsch, aber in seinen unzähligen Karteikästen mit Abertausenden von Einträgen finden sich ganz allgemein Wörter und Begriffe, die in engerer Verbindung zur Stadt stehen.

Allen voran der unvergleichliche Dirks Paulun (1903-1976), aber auch Walter Deppisch (1916-1990) mit seinen "99 Wörtern Hamburgisch" nahmen das "Hamburger Hochdeutsch" und seine Sprecher unter die Lupe. Mit Charakter und Humor der Hamburger beschäftigte sich besonders der um das Hamburger Volkstheater und die Theatergeschichte der Stadt so verdiente Schriftsteller Paul Möhring (1896-1976). Er hielt seine Erfahrungen mit der Hansestadt und ihren Bewohnern ebenso in kleinen Geschichtchen fest, wie es die Autorin und Feuilletonistin Edith Oppens (1903-1990) mit "ihren lieben Hamburgern" getan hat. Vera Mohr-Möllers (1911-1998) Klein-Erna-Geschichten sind zwar noch heute vielen bekannt, hatten aber früher doch bedeutend mehr Leser, auch außerhalb Hamburgs. Wenn von der in Hamburg gebräuchlichen Sprache und ihrer Entwicklung die Rede sein soll, muß zuerst das Plattdeutsche erwähnt werden. Plattdeutsch oder Niederdeutsch ist in ganz Norddeutschland verbreitet. Es stellt mehr dar als eine Mundart und darf auch heute noch fast den Rang einer Sprache beanspruchen. Bis ins 16. und 17. Jahrhundert war "Platt" auch gängige Schriftsprache. Als überwiegende Alltagssprache blieb es bis ins 20. Jahrhundert hinein erhalten, und unbeschadet davon, daß es im Laufe der Jahrzehnte in der Großstadt rapide zurückging, wird es in ihren ländlichen Gebieten auch im 21. zu hören sein. Um die Pflege des Plattdeutschen im Hamburger Raum kümmern sich neben dem Hamburgischen Wörterbucharchiv auf privater Basis besonders der "Quickborn", 1904 als Vereinigung für niederdeutsche Sprache und Literatur gegründet, sowie der seit 1874 bestehende "Verein für niederdeutsche Sprachforschung".

Eines von Pauluns Büchern trug mit dem Haupttitel "Missingsch" den so wichtigen Begriff aus der hamburgischen Sprachgeschichte im Namen. Aber um es gleich vorwegzunehmen: Das "originale" Missingsch ist in seiner ursprünglichen Erscheinung so gut wie ausgestorben. Missingsch bestand im 19. und frühen 20. Jahrhundert als eine eigenwillige Mischung von Plattdeutsch und modernem Hochdeutsch, das korrekt eigentlich Neuhochdeutsch heißt. Der Begriff bezeichnete ein Hochdeutsch, das die Verwurzelung seines Sprechers im Plattdeutschen nicht verleugnen kann (ausführlich zum Begriff siehe unter --> Missingsch). Missingsch entstand durch die Probleme, die reine Plattdeutschsprecher in Wortwahl, Satzbau und Aussprache des modernen Deutsch plagen. Und da die meisten Plattdeutschsprecher heute eigentlich fest im Hochdeutschen zu Hause sind, kann es folglich auch kaum noch wirkliches Missingsch geben. Eine bleibende Erinnerung daran ist das Missingsch, das Dirks Paulun in seinen Veröffentlichungen oder Vera Mohr-Möller in ihren Geschichten benutzten. Dennoch haben sie durch ihre Festlegung auf fast ausschließlich humorige bis satirische Darstellung dem Missingsch einen anderen "Anstrich" gegeben, Die Zeiten, als auch im Hamburger Alltag Plattdeutsch noch wie selbstverständlich zu hören war, sind "vorbi". Wenn heute von Missingsch die Rede ist, ist eigentlich nur ganz einfaches und stark umgangssprachlich gefärbtes oder, wer es unbedingt will: schlechtes Hochdeutsch gemeint. Es besteht kein wirklich plattdeutscher Hintergrund mehr, und Missingsch dient eher nur noch als Bezeichnung einer Art "Hamburger Hochdeutsch" als etwas schludriger Jargon mit breitester Aussprache und den hamburgischen Vokalverziehungen. So kann aus einem "o" ein "ou" und aus einem "a" ein gedehnter Laut werden, der zwischen "aa" und "oo" angesiedelt ist.

Aber welche Mundart ist schon einheitlich und konstant? Es gibt auch kein reines Plattdeutsch, schließlich schaudert es einen Südoldenburger beim Hören von Mecklenburger Platt und umgekehrt, während der Dithmarscher möglicherweise beide Dialekte am liebsten kaum als Plattdeutsch durchgehen lassen würde. Auch zwischen dem Hamburger und dem Bremer Raum variiert ja das Platt. Im Hamburger Ohnsorg-Theater hat man sich für das Holsteiner Plattdeutsch entschieden. Wer sich ernsthaft mit dem in Hamburg beheimateten Platt beschäftigen möchte, muß dann doch das Hamburgische Wörterbuch studieren. Hier stößt man auch auf eine große Anzahl von Wörtern, die längst vergessen sind. So hat z. B. das Spielen mit "Marmeln" seinen Reiz auf Kinder weitgehend eingebüßt, während es in früheren Zeiten aus der Freizeitbeschäftigung nicht wegzudenken war und einen eigenen Fachjargon mit unendlich vielen Begriffen hervorbrachte. Sie sind aus dem Kindermund inzwischen verschwunden, und nur einige Beispiele wurden hier aufgenommen, wie z.B. --> Basche oder "duschen".

Vielleicht werden einige ältere Leser nun sagen: "Wir haben aber immer "Bascher" und "ditschern" gesagt, und überhaupt: Dies und das wird soundso geschrieben, und jenes doch sowieso ganz anders!" Der Varianten sind so viele. Grundsätzlich zur Rechtschreibung darf man zunächst getrost Günter Harte zitieren, der 1977 in seinem Lehr- und Lesebuch "Lebendiges Platt" zum Thema der plattdeutschen Rechtschreibung "zugespitzt" feststellte: "Plattdeutsch kann man gar nicht verkehrt schreiben!" Es gibt halt keinen Duden und keine Regeln. Doch das sollte eigentlich kein Freifahrtschein zur Beliebigkeit sein. Von Johannes Saß erschien 1935 ein seinerzeit hochamtliches Wörterverzeichnis des Plattdeutschen (genannt "Der kleine Saß"), das heute in vielen Teilen noch weitgehend unverändert "gültig" ist. Für das Missingsch entwickelte Paulun seine eigene Phonetik (sein "Paulunisch"), die freilich bei Germanisten und Sprachforschern keineswegs unumstritten ist. Dennoch ist es sein bleibendes Verdienst, auf diese Weise altes Hamburger Sprachgut, wie es auf den Straßen in täglichem Gebrauch war, konserviert zu haben. Der Unterschied läßt sich an einem Beispiel verdeutlichen. Die im Plattdeutschen häufig langen Vokale würden nach Saß durch Verdopplung gekennzeichnet ("Gruus un Muus", "suutje"). Missingsch-Schreiber wie Deppisch oder Paulun dagegen buchstabieren vom Hochdeutschen kommend und dehnen mit einem "h" (also: "Grus un Mus", weil niemand - in neuer hochdeutschen Rechtschreibung - "Gruss un Muss" lesen würde, und "suhtje" statt "suutje"). Von einigen Ausnahmen abgesehen, wird im folgenden die übliche hochdeutsche Schreibweise verwendet. Wenn dagegen einmal breitestes, gemütlich-nachlässiges "Hamburgisch" nachempfunden werden soll, dann erfolgt dies in kursiver Schrift: "Kannsu mir folgn?". Kleine Unregelmäßigkeiten dabei mögen verziehen werden. Es ist aber auch zu schwierig. Wenn jemand z.B. in einer Finkenwerder Kneipe Abend für Abend den "Daddelautomaten" (= Glücksspielautomat) leert, dann ist er der "Daddelkeunich". Gelingt dem Glückspilz aber dasselbe in der Stammkneipe seines Schwagers in einem der Walddörfer im Nordosten Hamburgs, dann wird er unweigerlich der "Daddelkönich"!

Viel Spaß also "bein Lesen von dieses kleine Lexikon..."